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Doktor Allwissend verplaudert sich

Ernst Wilhelm Händler lässt das Geld sprechen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ernst Wilhelm Händler ist ein anspruchsvoller Autor. Der mit einer Arbeit über die logische Struktur ökonomischer Theorien promovierte Volkswirt, Philosoph und Unternehmer weiß genau, wovon er schreibt, wenn er in seinem neuen Roman das Geld – im Wortsinne! – sprechen lässt. Wie schon in einigen vorangegangenen Romanen, etwa Wenn wir sterben (2002) oder Fall (2012), wird in Das Geld spricht der psychologische und soziale Über- beziehungsweise Unterbau der modernen Finanzwirtschaft seziert. Die Anatomie, die Händler dabei Schnitt für Schnitt freilegt, ist die einer paradoxen Verquickung rationaler und religiöser Strukturen. Zu seinen zentralen erzählerischen Anliegen gehört das Ausloten von psychologischen, sozialen und ideologischen Systemen. In seinen Romanen geht es stets um die innere Logik von Institutionen wie Firmen, Banken oder Universitäten, um gesellschaftlich konstruierte Felder wie den Literaturbetrieb und den Kunstmarkt oder um ideologisch überformte Technikdiskurse zum Cyberspace oder zur Künstlichen Intelligenz.

Die übergeordnete Thematik, die man diesem Erzählen zuordnen könnte, ist die Frage nach den menschlichen Verwerfungen und Entfremdungen im neoliberalen Kapitalismus: Was machen die entfesselten, globalisierten Finanzmärkte mit ihren ProtagonistInnen? Welches Menschenbild, welche Emotionen, Wertvorstellungen, Lebenseinstellungen, persönlichen Ziele und Probleme ergeben sich in diesem Kontext für Menschen, die als Unternehmer, Börsenmaklerin, Investmentbanker oder Managerin in die Mühlen einer zunehmend abstrakten, spekulativen und virtuellen Finanzindustrie geraten?

Der Roman Das Geld spricht ist eine Art finanztechnisch-soziale Versuchsanordnung. Das Handlungspersonal besteht aus erfolgreichen Mittvierzigern, die zur Frankfurter und New Yorker Hochfinanz oder zumindest zu deren unmittelbarem Umfeld gehören. Da ist zunächst ein von seiner Freundin verlassener Banker, der von einem vermutlich am branchenüblichen Asperger-Syndrom leidenden Startup-Unternehmer eine halbe Milliarde Dollar zur möglichst profitablen Anlage an den Finanzmärkten erhält. Sein Geld hat der „Gründer“ genannte Unternehmer mit Börsenspekulationen und innovativen digitalen Speicherverfahren verdient. Dem Banker bieten sich nun drei verschiedene Investitionsmöglichkeiten, inkarniert durch drei in ihrer Exzentrik fast schon wieder stereotype Hedgefonds-BetreiberInnen. Als da wären: erstens ein humanistisch gebildeter Mathematiker und KI-Spezialist mit dem Spitznamen „Nano-Mann“, der nach dem ungeklärten Verschwinden seines Bruders und Mitbesitzers dessen Part mit übernimmt und somit in einer Art Doppelrolle auftritt. Der zweite Kandidat trägt den seinem massigen Körperbau geschuldeten Nick „der schwere Mann“ und ist ein eher konservativ gestrickter Aufsteiger aus dem Arbeitermilieu. Zu den beiden Herren gesellt sich als dritte Kandidatin eine schrille Traderin mit dem altbacken-poppigen Pseudonym „Banana-Clip“. Sie wird charakterisiert als peinlich laute und sadistische Witzeerzählerin mit Höhenangst, Hyperaktivitätsstörung und einem Kosmetikkoffer, der an ein gut sortiertes Waffenarsenal erinnert. Alle drei verkörpern und verkünden unterschiedliche Anlage-Philosophien, die den LeserInnen trotz starker ironischer Einfärbungen halbwegs plausibel gemacht werden. Die Erzählperspektive springt zwischen diesen Figuren hin und her, wobei die narrative Spannung von der (hier nicht gespoilerten) Frage getragen wird, wer von den Dreien am Ende wohl den Zuschlag erhält.

Auf den knapp 400 Seiten des Romans erfährt man so einiges von den neurotisch-autistischen bis genial verkorksten Köpfen dieser von Geldgier und Geltungssucht geplagten Herrschaften. Man wird konfrontiert mit skurriler Ichbezogenheit, gehemmter bis hemmungsloser zwischenmenschlicher Kommunikation und zwischen profundem Fachwissen, Angeberei und Risikofreude changierenden Gambler-Naturen; man begreift ihre Ängste und Zweifel und staunt über mangelnde emotionale Kompetenz.

Das Geld spricht ließe sich also durchaus in die Kategorie des klassischen Zeitromans einordnen, also als Literatur verstehen, die sich darum bemüht, aktuelle gesellschaftliche Phänomene, soziale Mechanismen, Machtstrukturen und Denkmuster hermeneutisch zu erschließen und literarisch abzubilden. Die Sprache des Romans orientiert sich dabei mimetisch am emotional reduzierten bis hochspezialisierten Jargon der Figuren, was die Lektüre zwar nicht unbedingt unterhaltsam macht, zumindest nicht auf einem konventionellen Wellness-Niveau, dafür aber gerät man peu à peu in eine Art unterkühlten Flow, der entfernt an einige Werke des Nouveau Roman (vor allem an Alain Robbe-Grillet) oder an Vergleichbares aus der deutschen Literaturgeschichte (Arno Schmidt, Peter Weiss) erinnert. Etliche Szenen sind in einem geradezu drehbuchartigen, ganz auf äußere Vorgänge und minutiöse Sachbeschreibungen fokussierten, syntaktisch verkürzten Präsens-Stil erzählt, der die Ereignisse möglichst nüchtern und neutral wiedergibt. Dieser Erzählduktus kontrastiert nun aber vollkommen zum titelgebenden narrativen Kunstgriff des Autors, der seine LeserInnen glauben macht – so zumindest lautet die vom Verlag vorgegebene Leseanweisung –, der Erzähler des gesamten Romans sei das Geld persönlich, genauer: dessen anthropomorphisierte, sprechende Personifizierung.

Nun ist die Idee, Geld als sprachbegabtes und, wie mehrfach betont wird, mit einer persönlichen Seele ausgestattetes Wesen auftreten zu lassen, gewiss eine originelle und überaus konsequente Umsetzung der klassischen marxistischen These vom Fetischcharakter des Geldes. Deren Grundgedanke, dass mit der Fetischierung des Geldes die den ökonomischen Phänomenen wie „Geld“, „Markt“ oder „Ware“ zugrunde liegenden menschlichen Beziehungen verdinglicht, entfremdet und mystifiziert werden, scheint auch das erzählerische Konzept dieses Romans beeinflusst zu haben. Denn die langen Passagen, in denen sich das Geld in seiner Rolle als Ich-Erzähler eindeutig von einem herkömmlichen auktorialen Erzählsetting abgrenzt, sind geprägt von einer bemerkenswerten Zweideutigkeit, die haargenau der von Marx und Engels analysierten Ambiguität entspricht: Auf der einen Seite ergeht sich das monologisierende Geld in langen essayistischen Exkursen zu den ökonomischen, philosophischen und finanztechnischen Finessen des globalen Geldverkehrs; Passagen, die sich stellenweise wie pointierte Auszüge aus wirtschaftswissenschaftlichen Sachbüchern lesen und für Eingeweihte vermutlich durchaus einen gewissen Unterhaltungswert besitzen. Dem gegenüber steht ein ganz anderer, in großsprecherischen Großbuchstaben die Allmacht des Geldes offenbarender und damit an Stanislaw Lems sprechenden Supercomputer aus Also sprach Golem anknüpfender präpotenter, quasi theologischer Diskurs mit gelegentlichen posthumanistischen Anwandlungen:

 

ICH HABE DEN MENSCHEN BEIGEBRACHT, GEDANKEN HANDHABBAR ZU MACHEN, DIE DAS VORHER NICHT WAREN. OHNE MICH KÖNNTEN SIE NUR DAVON TRÄUMEN, ABSTRAKTE GEDANKEN AUSZUTAUSCHEN! ICH HABE DIE MENSCHEN GELEHRT, GESETZE ZU FORMULIEREN. OHNE MICH WÄREN SIE NIE ÜBER EINZELFÄLLE HINAUSGEKOMMEN! […] ICH KANN ERKLÄREN! WIE WILL MAN ETWAS ERKLÄREN OHNE MICH?

Dieser dröhnend selbstgefällige, götzenhafte Popanz behauptet nun von sich, nicht nur die „erfolgreichste Sprache“ der Welt zu sein, sondern zugleich auch der „allwissende Erzähler“ der handelnden Figuren: „ICH BIN IHR AUTOR“.

Freilich haben wir es hier mit einem für postmoderne Erzählattitüden noch recht typischen narrativen Augenzwinkern, einem Spiel mit diversen Meta-Ebenen zu tun. Nicht umsonst wird an mehreren Stellen Jorge Luis Borges’ Kurzgeschichte Pierre Menard, autor del Quijote erwähnt, in der in geradezu stilbildender und exemplarischer Weise solche narrativen Verfahren der ironischen Illusionsdurchbrechung und Selbstbezüglichkeit durchgespielt werden.

Viele essayistische Passagen, in denen offen bleibt, ob hier tatsächlich ausschließlich das Geld selbst oder nicht doch ein konventioneller auktorialer Erzähler das Kommando übernimmt, sind aber auch inhaltlich interessant, gerade dort, wo es um Themen jenseits der Finanzwirtschaft geht wie zum Beispiel Neurologie oder Literatur, und ich wäre gewiss die Letzte, die einem Romanautor vorhalten würde, er solle gefälligst erzählen statt erklären, pralle Handlungen erfinden statt Theorien und Hypothesen zu erörtern.

Und natürlich sollten wir – da stimme ich dem Autor ebenfalls zu – die Rede über ökonomische Zusammenhänge nicht den Finanzexperten überlassen. Schon die ältere Literatur hat hier, von Shakespeare und Goethe bis Émile Zola und Thomas Mann unzählige Male bewiesen, dass sie ökonomischen Themen gewachsen ist. Händler geht es freilich mitnichten um eine im traditionellen Sinne realistische Erzählung vor sozialökonomischem Hintergrund. Er möchte, soweit ich sein Anliegen verstehe, die zeitgenössische Literatur sprachlich-ästhetisch „fit“ machen für die Darstellung der seit ca. drei Jahrzehnten immer komplexer werdenden weltwirtschaftlichen Zusammenhänge. Er möchte mit seinem Erzählen ins Innere des Systems, in die Logik des modernen, entmaterialisierten Geldes vordringen, mit literarischen Mitteln dessen sehr speziellen Doppelcharakter aus hybrider mathematischer Rationalität und überspannter religiöser Fetischierung sichtbar machen.

Das ist zunächst einmal ein hoher, angesichts des ästhetisch eher seichten Erscheinungsbilds der meisten literarischen Neuerscheinungen absolut begrüßenswerter Anspruch. Doch so ganz gelingt es Händler nicht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Denn leider wirken die Passagen, in denen das Geld im triumphalen Modus vermeintlicher Allwissenheit seine eher dürftigen Erkenntnisse ausposaunt, ein bisschen schlicht, um nicht zu sagen: albern. Stellenweise fragt man sich, ob das erzählende Geld womöglich bloß Schlagzeilen aus der Tagespresse herunterbetet:

 

DER NEGATIVE ZINS IST KÜNSTLICH. VON DEN ZENTRALBANKEN INSTALLIERT. GEGEN DIE MENSCHEN. GEGEN MICH. DER NEGATIVZINS HAT FATALE FOLGEN. DER NEGATIVZINS IST EIN FRONTALANGRIFF AUF MICH. WENN DIE ZINSEN DOCH WIEDER STEIGEN – DIE IDEE, JEDERZEIT ZU OPTIMALEN KONDITIONEN AUS EINEM RISKANTEN INVESTMENT AUSSTEIGEN ZU KÖNNEN, IST DIE HÖCHSTE FORM VON NAIVITÄT, DIE MAN SICH VORSTELLEN KANN.

Dass der Roman seinen eigenen poetologischen Ansprüchen nicht vollständig genügt, hängt wahrscheinlich zunächst mit einer Eigenschaft des Geldes zusammen, die hier zwar fiktional außer Kraft gesetzt wird, ohne dass daraus aber wirklich radikale Konsequenzen gezogen würden: ich meine seine prinzipielle ontologische Sprachlosigkeit. Zwar hat Geld in seiner Eigenschaft als Tauschmedium und Äquivalenzwert semiotische Funktionen, seine Teilhabe an dynamischen sozialen Prozessen aber darzustellen, indem man es personifiziert und wie die magischen Dinge im Märchen (Zauberspiegel, Bäume, Brunnen und Backöfen) sprechen lässt, erscheint mir, zumindest für die Länge eines Romans, eine etwas zu simple und kaum tragfähige Konstruktion.

Darüber hinaus scheint es auch einen grundsätzlichen Widerspruch zu geben: In seinem Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument (2014) denkt Händler über den „Unterschied zwischen dem Roman und wissenschaftlichen Darstellungen“ nach. Dieser Unterschied betreffe weniger die Themen und Inhalte, als vielmehr die formale Ebene: „Literatur drückt Gefühle aus. […] Literatur hat das erklärte Ziel, beim Leser Gefühle hervorzurufen. Der Roman zeichnet bestimmte Gefühle aus, manchen schreibt er nahezu Fetischcharakter zu.“ Was in Das Geld spricht als mimetische Spiegelung der Sprecherinstanz „Geld“ geschuldet zu sein scheint, nämlich die bereits erwähnte programmatische Kälte und Emotionslosigkeit des Sprachduktus, steht also in einem gewissen Widerspruch zu den Vorstellungen des Autors über die Gattung „Roman“.

Womöglich hätte Ernst Wilhelm Händler nur beherzt einige Schritte weiter gehen müssen, um das beabsichtigte kritisch-phantastische Potenzial seines Settings literarisch wirklich überzeugend zu gestalten. Ansätze zu einer solchen, auch formalen Radikalität gibt es in seinem Werk zuhauf, beispielsweise wenn in Wenn wir sterben der Inhalt einer Excel-Datei im Fließtext wiedergegeben wird. Dabei stößt die Gattung „Roman“ zwar an ihre medialen und wirkästhetischen Grenzen, als experimentelles Verfahren in einem literarischen Text über ökonomische und finanzielle Zusammenhänge ist es jedoch – im Gegensatz zu einem märchenhaft allegorisierten „allwissenden Geld“ – völlig überzeugend.