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Einsamkeit war ihm eine vertraute Gefährtin

Zum 150. Geburtstag Ernst Barlachs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die „menschliche Situation in ihrer Blöße zwischen Himmel und Erde“ hat Ernst Barlach als das beherrschende Thema in seinem künstlerischen und literarischen Schaffen bezeichnet. So wie er selbst sein „wahres Wesen in einer dunklen, unbewussten Tiefe“ suchte, waren für ihn auch alle seine Gestalten „nichts anderes als zum Sprechen und Handeln geborene Stücke dieses unbekannten Dunkels […], sehnsüchtige Mittelstücke zwischen einem Woher und Wohin“. Ihm ging es um das Aufspüren und Sichtbarmachen elementarster menschlicher Befindlichkeiten. Seinen Gebeugten und Bedrückten, Leidenden, Sorgenden, Verzweifelten, von Entsetzen Heimgesuchten, Außer-Sich-Geratenen, mit ihren Traumvisionen Kämpfenden, Wegsuchenden, Liebenden, Widerstand Leistenden, leidenschaftlich Handelnden stehen Gestalten gegenüber, die aus aller erdhaft düsteren Gebundenheit gelöst erscheinen, schweigend Verharrende, selbstvergessen Lauschende, Staunende, Hoffende, im Universum Forschende, Lesende, Meditierende, Singende, Musik Empfangende. Hinter der Augenfälligkeit der äußeren Erscheinungen wollte er das Verborgene, hinter der Maske der Wirklichkeit die andere Wahrheit, hinter dem äußerlich Aufgeprägten, Fremden das Eigene, nur dieser Gestalt Eigentümliche, Identische entdecken. Wirkliches und Unwirkliches, Spürbares und Nicht-Spürbares sollten auf unterschiedliche Weise ineinander verwirkt, Unsichtbares sichtbar gemacht werden.

Doch über die Beschaffenheit dieses “Ich“ war sich Barlach höchst ungewiss: „Ob überhaupt irgendwo ein Ich ist, das weiß, was los ist? Was der ganze materiell-geistig-seelische Gärungsprozess bedeutet?“ Er selbst hat immer wieder von seiner eigenen Zerrissenheit, seinem inneren Zwiespalt gesprochen. Orientierungslosigkeit, Ohnmacht, Entfremdung und Angst standen einem übersteigerten Selbst- und Sendungsbewusstsein gegenüber. Gefühl und Wille, Vitalität oder Melancholie – ein Riss ging mitten durch seine Künstlerexistenz. In zahlreichen Zeugnissen ist von diesem verunsicherten, rätselhaften „Ich“ die Rede: „Das Phänomen Mensch ist auf quälende Art von jeher als unheimliches Rätselwesen vor mir aufgestiegen“. Barlach hatte jedoch Nietzsches dionysischen Pessimismus verinnerlicht, so dass er diesen Zustand als Schicksal hinnahm und „den Zwiespalt als Essenz des Lebens bejahte“. Als Vitalist anerkannte er Leid und Unglück, weil es ein Glücksempfinden erst ermöglichte. „Die Zwie- und Tausendspältigkeit ist das Ziel, das die große Einheit schafft […]. Glück ist nicht ohne Not, Erlösung nicht ohne Sünde. Die ewige Harmonie braucht ewige Dissonanz.“

Sein Leben lang war Barlach die „Hexe Einsamkeit“ eine vertraute Gefährtin gewesen, er mochte sie lieber „als hundert andere mit fetter, feister Behäbigkeit“. Denn sie ließ ihn ganz „ich selbst“ sein, auch wenn er dieses Ich als „ein dunkles Wunder“ empfand und schließlich als „etwas Fremdes, aber doch Verwandtes“ anerkannte.

Nun hatte man ja erwartet, dass einer der ausgewiesenen Barlach-Spezialisten, etwa Elmar Jansen, die erste große Barlach-Biographie schreiben würde. Aber jetzt ist sie von einem in der Barlach-Forschung völlig Unbekannten vorgelegt worden, der in jahrelanger intensiver Arbeit eine wirkliche Meisterleistung vollbracht hat. Allerdings hat deren Autor Gunnar Decker durch seine Biographien zu Hermann Hesse, Gottfried Benn, Franz Fühmann, Georg Trakl und Franz von Assisi längst einen Namen und wurde 2016 auch mit dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet.

Das biographische Feld ist bei Barlach sehr gut bestellt. Barlach hat sein Leben selbst erzählt, zumindest bis 1909/10, als er in das mecklenburgische Güstrow übersiedelte. Er hat Tagebuch geführt, das Russische Tagebuch wird zu einem Dokument der Wende, das Güstrower Tagebuch beschreibt seine Wandlungen zwischen dem Kriegsausbruch 1914 und November 1917 – da bricht es ab –, vom Kriegsbefürworter zum Skeptiker und Gegner des Völkermordens. Fast täglich hat er Briefe gewechselt, gut 2200 Briefe sind bis heute bekannt – und nun liegt auch seine mehrbändige Briefausgabe vor –, vor allem mit seinem Vetter Karl Barlach, dem Verleger-Freund Reinhard Pieper oder dem Feuilletonisten Friedrich Düsel, der auch die letzten Worte am Grabe Barlachs sprach. Friedrich Schult hat seine Gespräche mit Barlach notiert, andere wie Karl Barlach, Tilla Durieux oder Paul Schurek haben ihre Erinnerungen an den Künstler hinterlassen. Die einzelnen Lebensstationen Barlachs sind gut ausgeleuchtet, über ihn als Bildhauer, Zeichner, Grafiker, Dramatiker und Erzähler ist vielfach geschrieben worden. Das Bild Barlachs scheint festgefügt – und ist doch rätselhaft geblieben: Barlach, der Expressionist, der Mystiker, ein Protagonist der Moderne und dennoch ein eigensinniger Einzelgänger, einer, für den die Grenze zwischen Hier und Damals, Diesseits und Jenseits, Himmel und Erde, Leben und Tod nicht zu existieren scheint.

 Der Schwebende – diesen Untertitel trägt die Biographie Deckers, und dabei denkt man vornehmlich an den „Schwebenden Engel“ im Dom zu Güstrow, der die Gesichtszüge von Käthe Kollwitz trägt. Aber das Motiv des Schwebens zieht sich durch das ganze Werk Barlachs. In dem Doppelrelief Die Vision aus dem Jahre 1912 klingt zum ersten Mal dieses für ihn dann so charakteristische Motiv auf, der traumhafte Wille zum Schweben, die Loslösung des Schweren von der Erde. Barlach selbst hat es als „Befreiung aus der Dumpfheit und Enge“ gedeutet, „also lauter Dinge, die abnormes, gesteigertes Dasein andeuten“. Er stellt seine Figuren in den Zwiespalt zwischen Himmel und Erde. Diese schwebende Gestalt ist ein Vorbote des Güstrower Domengels, hier aber weniger starr, milder und wärmer, nicht den Tod kündend, sondern das Leben. Groß und gelassen schwebt sie dahin, in gebauschtem Gewand, mit fliegenden Haaren und klar geformtem Antlitz, mächtig die Schlafende beschattend. Zwei Sphären begegnen sich, wollen eins werden, aber gelangen nur so weit zueinander, dass eine geheimnisvoll elementare Spannung entsteht. Zwischen beiden liegen zwar Welten, aber beide werden doch als Teile eines Ganzen, als Einheit von Irrealem und Realem, von Himmel und Erde verstanden. Das Schwebemotiv zeigt die Figuren jeweils in einer Grenzsituation menschlichen Seins und Bewusstseins.

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